Léonie 1990

Dietikon
Stykkishólmur
Dietikon
Bharatpur
Kuala Lumpur
Dietikon
Zürich
Sandwichverkäuferin
Marktforscherin
Kulturaustauschorganisatorin

JULI 1996: Ich gehe ganz alleine für gefühlte Stunden auf den Spielplatz und spiele nur für mich. Ich kann mich nicht erinnern, was ich meiner Mutter erzählt habe, aber ich glaube, ich habe sie angelogen.

APRIL 2003: Meine beste Freundin eröffnet mir, dass sie die Schulleitung des Gymnasiums, das wir ab dem Sommer besuchen werden, gebeten hat, sie mit ihrer Brieffreundin in eine Klasse einzuteilen – nicht mit mir.

JANUAR 2004: Ich umklammere meinen Rucksack und frage mich, was ich für komische Bauchschmerzen habe. Langsam realisiere ich, dass ich vielleicht verliebt bin.

APRIL 2007: Ich entscheide mich, Lydia nicht länger auf mir herumtrampeln zu lassen. Ich gehe zu ihr und schreie sie an, was sie eigentlich gegen mich habe. Sie verlässt das Zimmer, wortlos.

JUNI 2007: Ich sitze im Flugzeug, das noch am Flughafen steht und mich in Kürze zurück in die Schweiz fliegen wird und realisiere, dass mein Leben in Island endgültig zu Ende ist. Ich fange an zu weinen und schluchze 15 Minuten lang aus vollem Herzen, während meine Sitznachbarinnen mir völlig verdattert den Kopf tätscheln.

OKTOBER 2009: Ich sitze mit Matteo auf einer Parkbank und flüstere ihm zum ersten Mal ins Ohr, dass ich ihn liebe. Sein raues «Ich dich auch» kommt mir vor wie das Schönste, was ich je gehört habe.

NOVEMBER 2009: Unter Tränen erkläre ich Ronja am Telefon, dass ich sie brauche – dass ich mir aber, wenn ich ehrlich mit mir selber bin, eingestehen muss, dass ihr Wunsch zu sterben viel grösser ist als mein Wunsch, sie nicht zu verlieren – und dass ich kein Recht habe, sie zurückzuhalten.

MAI 2010: Ich knie in einer Moschee in Kuala Lumpur und bete. In diesem Moment weiss ich ganz genau, was ich mit meinem Leben machen möchte.

MAI 2012: Ich küsse Matteo auf die Stirn und schaffe es endlich zu gehen. Draussen setze ich mich auf eine Bank und frage mich fassungslos, was ich die letzten zwei Jahre bloss gemacht habe.

JULI 2012: Es ist der Abend, bevor ich meinen ersten «richtigen» Job beginne. Ich kann nicht schlafen und das Gefühl, dass mein ganzes Leben vor mir liegt und mir alles offen steht, zerreisst mich beinahe.

03.02.2013