Luana 1991

Hannover
Chur
Zürich
Babysitterin
Praktikantin Seehund-Aufzuchtsstation

OKTOBER 1997: Ich liege bäuchlings auf dem Boden unter dem Tisch und weine bitterlich. Mit meinen Tränen schreibe ich das Wort «Oma» auf die Sockelleiste des Teppichs.

AUGUST 1998: Meine Mutter rutscht beim Wandern vom Weg ab. Ich schmeisse mich zu Boden, versuche sie wieder zu mir hochzuziehen und kann sie doch nicht halten. Sie rutscht hinab. Nicht weit, und sie verletzt sich auch nicht. Aber ich konnte sie einfach nicht halten.

JUNI 2001: Ich sitze im Auto, vorne meine Eltern, neben mir meine Schwester, zwischen uns Sachen gestapelt. Der Hund unserer Nachbarn läuft am Auto vorbei. Als er uns sieht, freut er sich so sehr, dass er hinten zu uns ins Auto springt. Kurz darauf fahren wir ab. Ich lasse mein Zuhause hinter mir.

AUGUST 2001: Ich frage den Jungen neben mir, was vorne an der Wandtafel die Abkürzung FL bedeutet. Ich verstehe nicht, was er sagt, schreibe Flichtenstein auf. Die Schweizer sprechen eine andere Sprache und kennen andere Länder als ich.

MAI 2010: Ich sitze auf dem Rücksitz, meine Eltern vorne. Krampfartig schüttelt mich mein Weinen. Ich weiss nicht, ob es Trauer ist oder einfach nur die Erschöpfung. Ich weiss nur, dass ich nie wieder an diesen Ort zurückkehren kann.

AUGUST 2010: Das erste Mal stehe ich in dem grossen Hörsaal. Unter mir hunderte von Sitzplätzen. Ich frage ein Mädchen mit langen braunen Locken und einem Tattoo auf dem Rücken, ob neben ihr noch frei ist.

NOVEMBER 2010: Er steht vor mir. Ich habe mir extra flache Schuhe angezogen, um nicht grösser zu sein als er. Ich will ihn nicht berühren. Das, was ich mir seit Jahren gewünscht habe: Es ist nichts.

JULI 2011: Ich liege in der Nähe eines kleinen Bergdorfes in einem Zelt. Das Licht scheint rot zu uns herein. Ich schaue ihr in die Augen. Nie habe ich mich einem Menschen näher gefühlt.

OKTOBER 2011: Panisch bewegen sich meine Augen die Liste rauf und runter. Mein Name ist nicht zu finden. Ich bin allein und weiss nicht, was ich tun soll.

NOVEMBER 2012: Ich gebe der Vermieterin das letzte Mal die Hand. Vorbei. Traurig. Erleichtert.

07.01.2013