2009

JANUAR 2009: Ich verlasse meine Freunde und Familie und gehe im Rahmen meiner Promotion für einen Forschungsaufenthalt in die USA. Obwohl ich meine Beziehung aufs Spiel setze und meine Psychoanalyse unterbrechen muss, wird es die schönste Zeit meines Lebens.

JANUAR 2009: Philipp fällt in schwere Depressionen, die nächsten neun Monate verbringt er hauptsächlich in der Psychiatrie. Ich störe seine beiden Selbstmordversuche.

JANUAR 2009: Ich bin auf dem Heimweg von einem Besuch bei meinem Vater im Altersheim. Ein schwer zu erklärendes Gefühl sagt mir, dass der Abschied anders war als an anderen Tagen. Als ich zu Hause ankomme, läutet das Telefon und man teilt mir mit, dass mein Vater gerade verstorben ist. Seinen Satz «Grüss alle von mir» höre ich heute noch.

JANUAR 2009: Zurück in Neuseeland. Am Ende der Welt. Ich stehe beim «Lookout» und schaue über's Land. Wohin mit meinem Leben? Die Entscheidung begeistert mich wenig: Zurück in die Schweiz.

JANUAR 2009: Ich feiere meinen 70. Geburtstag mit einem grossen Fest. Meine Familie und Freunde machen mich glücklich. Eine Woche später beginnt meine siebenwöchige Strahlentherapie.

JANUAR 2009: Ich fotografiere die Wohnung des verstorbenen Grossvaters meiner Freundin. Emotional bleibe ich ungerührt. Dann drückt mir ein Kontoauszug, der zwei Monate nach seinem Tod erstellt wurde, das Herz zusammen.

JANUAR 2009: Beginn von zwei Praktika in der Psychiatrie: Einblick in einen unglaublich faszinierenden und gleichzeitig nachdenklich stimmenden Bereich.

JANUAR 2009: Er hat sich in eine andere verliebt und ich soll bleiben. Wieder ist nichts, wie es scheint. Was will ich? Gehen oder bleiben? Ich entscheide mich für beides.

FEBRUAR 2009: Er ist witzig, charmant, bringt mich zum Lachen, macht mich glücklich und ist ein fantastischer Liebhaber. Bei ihm fühle ich mich geborgen, respektiert, geliebt.

FEBRUAR 2009: Ich lese im Büro eine Email über einen neuen Studiengang. Ein halbes Jahr später bin ich dort.

FEBRUAR 2009: Nach mehr als 4 Jahren heimlich gelebter Affäre fühle ich mich verloren und nirgend mehr zugehörig. Ich eröffne meinen Kindern, dass ich die Familie verlasse. Meine Tochter weint. Mein Sohn versucht, mit 15 Jahren vernünftig und erwachsen zu sein und das Unerwartete zu verstehen. Ich bin sicher, so oder so das Falsche zu tun.

FEBRUAR 2009: Mein Sohn liegt zwischen meinen Beinen und ich denke: «Es ist vorbei, es ist endlich vorbei». Er ist ganz sauber und röchelt leise, ich bin verschmiert mit Kindspech und Blut. Mir wird etwas übel, als ich die Plazenta betrachte, und zwischen meinen Beinen wohnt ein stechender Schmerz. Nackte Haut auf nackter Haut, es erinnert mich an mein erstes Mal.

FEBRUAR 2009: Wir müssen den Mittelpunkt unserer Familie gehen lassen. Mit dem Beistand eines sehr kompetenten Bestatters bekommen wir das Ereignis einigermassen unter die Füsse. Auch wenn wir die gleichen Eltern haben, reagiert jede von uns Schwestern doch anders. Ich als Älteste presche gern vor – hier lerne ich Zurückhaltung!

FEBRUAR 2009: Ich will nie mehr Theater machen, weil ich es nicht kann, ich will nicht mehr leben, weil es nichts bringt.

FEBRUAR 2009: Zusammen mit meinen drei Geschwistern, den Frauen meiner beiden Brüder und meiner eigenen Frau erlebe ich den Tod meines Vaters im Spital Aarberg.

FEBRUAR 2009: Ich beschliesse, die Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule zu machen.

MÄRZ 2009: Free Your Mind. Ich lerne einen Menschen kennen, der all das einfach tut, wovon ich eigentlich auch träume. Er wäscht mir gewaltig den Kopf, bringt meine ganze Welt ins Wanken. Aber das gibt mir unglaublichen Schub.

MÄRZ 2009: Ich erzähle Bea von Andrea.

MÄRZ 2009: Meine drei Kinder eröffnen mir gemeinsam, dass ich in einigen Monaten zum ersten Mal Grossvater werde.

MÄRZ 2009: Ich heirate eine Bekannte, weil wir ein Kind zusammen kriegen. Zweckheirat.

MÄRZ 2009: Es schneit seit drei Wochen ununterbrochen. Ich sitze in dieser Klinik und werde immer tiefer unter der Kälte begraben. Ob ich es wohl schaffen werde, irgendwann wieder fröhlich zu sein?

MÄRZ 2009: Es gibt eine andere.

MÄRZ 2009: Ich erhalte mein erstes Engagement als Tänzerin in einer Tanztheaterproduktion in Berlin und ziehe wieder zurück nach Europa.

MÄRZ 2009: Beim Skifahren eröffne ich meiner Mutter, dass ich mein Wirtschaftsstudium im Sommer nicht fortsetzen will. Wir weinen beide viel.

MÄRZ 2009: Ich schmeisse den Hörer auf den Boden und beginne zu schreien. Angelina schreit zurück. Mich auf Spanisch auszudrücken fällt mir nicht leicht. Ich wünsche mir meine Mama herbei und möchte, dass sie mir sagt, dass ich genug stark bin um dagegen zu halten.

MÄRZ 2009: Unsere Ansichten und Lebenseinstellungen sind so verschieden und doch ist unsere Lebensart sehr ähnlich. Die dadurch entstehende Gespräche sind aufreibend und bereichernd zugleich. Eine Frauenfreundschaft entsteht innerhalb von wenigen Tagen.

APRIL 2009: Sonja sitzt an meinem Bett, sie gibt mir einen Plüsch-Marienkäfer: «Den gebe ich immer meiner Mutter, wenn es ihr schlecht geht, jetzt darfst du ihn haben.» Sie ist die erste Freundin, die mich im Spital besucht.

APRIL 2009: Ich verliebe mich in Kari Bremnes’ Stimme und den Norden. Ich kann nicht mehr ins Warme fahren.

APRIL 2009: Die Liebesgeschichte mit Anja beginnt.

APRIL 2009: Die Liebesgeschichte mit Beatrice beginnt und ich bin glücklich.

APRIL 2009: Aufbruch nach Hamburg. Mit zwei Koffern und einem Fahrrad im Zug sowie einer Angst im Bauch begreife ich, dass ich mich nicht zu fürchten brauche.

MAI 2009: Nach sieben Jahren Beziehung trennen wir uns. Wir sitzen beide auf dem Balkon unserer gemeinsamen Wohnung und rauchen eine Zigarette nach der anderen. Auch wenn die nächsten Wochen sehr hart werden, wissen wir, dass die Entscheidung richtig ist.

JUNI 2009: Ich habe alles bestanden. Das Diplom wird mir überreicht. Die ganze Welt steht mir offen und ich bin betrunken.

JUNI 2009: Ich verlasse eine Band, die mir unglaublich am Herzen liegt, weil ich daran zerbreche, dass mein bester Freund, der Bandleader nicht mehr mein Freund ist, sondern ein unaufrichtiger Klotz geworden ist.

JUNI 2009: T. holt mich am Flughafen Tegel ab. Zu Hause schlafen wir das erste Mal miteinander. Die bisher komplizierteste unglückliche Liebe meines Lebens folgt.

JUNI 2009: Die erste grosse Trennung. Die geplante Reise auf die Azoren wird storniert und die frisch bezogene und mühevoll renovierte Wohnung verlassen.

JUNI 2009: Ein harter Sommer: Ich trenne mich von meinem Mann.

JULI 2009: Ich breche einem Mädchen so böse das Herz, wie ich nie gedacht hätte, dass ich dazu überhaupt in der Lage bin.

JULI 2009: Ich stehe am Strassenrand mitten in Island und strecke etwas unsicher meinen Daumen raus.

JULI 2009: Ich gewinne einen wichtigen Preis und muss von einem Freund auf die Bühne geschubst werden, weil meine Füsse sich nicht rühren.

JULI 2009: Wir sitzen zusammen auf der Dachterrasse in Piran. Das erste Mal, dass wir eigenständig auf Urlaub fahren.

JULI 2009: Ich ziehe nach Frankfurt für den Zivildienst und erlebe eine unglaublich befreiende Zeit. Ich schreibe mich an der Universität ein.

AUGUST 2009: Während meines Aufenthalts in Tallinn wohne ich mit fünf russischen Köchen in einer Wohnung.

AUGUST 2009: Ich beginne den Vorkurs und lerne den Zauber der Gestaltung kennen. Mit einem Mitstudenten baue ich eine Vertikalstruktur aus Strohhalmen und Stecknadeln, sieben Meter hoch und lediglich vierhundert Gramm schwer.

AUGUST 2009: Toni, Katze und ich sitzen nach einer zweimonatigen Reise durch China in einem edlen Restaurant in Peking. Unser Geld reicht genau für eine Ente, eine Flasche Wein und die Taxifahrt nach Hause.

AUGUST 2009: Nach der bestandenen Matura kann ich endlich los – die Welt entdecken.

AUGUST 2009: Zum ersten Mal spüre ich Rassismus am eigenen Leib: Ich bin Deutscher in der Schweiz und ungeliebt. An der Migros-Kasse kann ich keine Migros-Karte zeigen und die Kassierin beschimpft mich, dass ich zurückgehen soll.

AUGUST 2009: Am Zürichsee bekomme ich einen Anruf von meinem Vater. Mein Opa ist gestorben. Ich sitze weinend auf einem Stein.

AUGUST 2009: Ich verzweifle in Selbstmitleid, weil ich weiss, dass er sterben wird.

AUGUST 2009: Mein bester Freund umarmt mich. Die Berührung widerstrebt mir. Endlich lässt er los. Ich atme aus. Wieder einmal wird mir bewusst, dass ich anders bin.

AUGUST 2009: Mein jüngster Sohn kommt im Geburtshaus zur Welt. Ich erlebe eine intensive und selbstbestimmte Geburt. Es ist die letzte Geburt meiner Hebamme. Ich empfinde einen grossen Frieden, als er da ist.

AUGUST 2009: Zwei Katzen helfen mir, mein Leben zu stabilisieren. Ruedi & Franz (Ferdinand Alexander II.) sind Brüder, wunderschön, völlig easy und Anlass zu ganz viel Freude.

SEPTEMBER 2009: Wir machen eine Bootstour zur Insel Isabela. Plötzlich springt ein Buckelwal aus dem Wasser. Ich bin so aufgeregt, davon habe ich mein ganzes Leben lang geträumt.

SEPTEMBER 2009: An einem Tiefpunkt meines Lebens beweisen meine Freunde, dass ich auf sie zählen und mich ihnen anvertrauen kann.

SEPTEMBER 2009: Bei einem Nachtessen mit Lukas und Jonas und viel Wein gründen wir eine Theatertruppe. Wir sind mit Übermut und der Lust beseelt, einfach sofort anzufangen, was wir kurz darauf auch tun.

SEPTEMBER 2009: Ich schreibe eine Blindbewerbung.

SEPTEMBER 2009: Während eines Feldenkrais ATM-Trainings lerne ich Helena kennen. Damit nimmt mein Leben erneut eine Wende. Sie ist meine Liebe für den letzten Lebensabschnitt.

SEPTEMBER 2009: Eine Hebamme flüstert mir ganz nahe an meinem Ohr eine letzte Ermunterung zu, ich strenge mich an, wie ich mich noch nie in meinem ganzen Leben angestrengt habe, und im nächsten Moment halte ich mein Kind in den Armen.

SEPTEMBER 2009: Meine Mutter und ich sind fünf Stunden lang im Istanbul Modern, im Museum für moderne Kunst. Sie taucht voll und ganz in meine Welt ein und ist begeistert – und ich erst!

SEPTEMBER 2009: Mein Mann zieht aus.

SEPTEMBER 2009: Venedig. Ich lerne André kennen. Von jetzt an lebe ich immer im Spagat zwischen zwei Orten und aus dem Koffer.

SEPTEMBER 2009: Nach sechs Jahren habe ich genug, es funktioniert nicht, wir sind zu verschieden. Ich möchte wieder frei sein und ziehe weg von ihm.

OKTOBER 2009: Nachdem ich meinen Job als Gemeinschaftspraxisleiterin im therapeutischen Bereich gekündigt habe, sitze ich nach ewiger Zeit wieder in einem Hörsaal mit Kaffee aus der Thermoskanne und fühle mich frei.

OKTOBER 2009: Volker und ich küssen uns zum ersten Mal.

OKTOBER 2009: Ich laufe den ganzen Morgen die Plaza de Armas in Cusco auf und ab. Mariela ist nicht zurückgekommen. Ich sterbe vor Sorge.

OKTOBER 2009: Während meines vierten Semester an der Uni Luzern bewerbe ich mich erfolgreich auf eine Stelle als studentische Hilfskraft am Politikwissenschaftlichen Seminar. Mein Feuer für die Wissenschaft beginnt zu brennen.

OKTOBER 2009: Ich habe kein Heimweh und Anne glaubt an mich.

OKTOBER 2009: Wir liegen beide nackt im Bett. Er umarmt mich fest und ist im Halbschlaf, ich bin hellwach und lese «Memoiren einer Tochter aus gutem Hause» von Simone de Beauvoir. Es ist ruhig in der Wohnung, ich geniesse den Moment und lache.

OKTOBER 2009: Ich esse zusammen mit Martina Vermicelles. Vier Stunden später halten wir unseren frischgeborenen Sohn in den Armen.

OKTOBER 2009: Ich sitze mit Matteo auf einer Parkbank und flüstere ihm zum ersten Mal ins Ohr, dass ich ihn liebe. Sein raues «Ich dich auch» kommt mir vor wie das Schönste, was ich je gehört habe.

OKTOBER 2009: Ich muss das erste Mal ein eigenes Seminar an der Uni halten. Vor lauter Aufregung zittert meine Stimme, doch niemand scheint es zu bemerken.

OKTOBER 2009: Auf dem Weg nach Hause wird mir klar, was «Selbstmitleid» eigentlich bedeutet. Ich trete aus mir heraus und schaue mich an. Was ich sehe tut mir unendlich leid, und ich weine für mich. Ich empfinde Leid mit meinem Selbst.

NOVEMBER 2009: Sie ist so faltig und hässlich wie alle Neugeborenen, doch es trifft mich der Erkenntnisblitz: Aus dieser Liebesgeschichte komme ich nie wieder raus.

NOVEMBER 2009: Beim Nachtessen macht sich Janines Opa am Tisch vor allen über meine Körpergrösse lustig. Ich fühle mich ganz und gar nicht willkommen.

NOVEMBER 2009: Ich verlasse eine grosse Liebe und habe keinen Schimmer, wie lange die Trauer meinen Hunger auf das Leben begleiten wird. Ich bin sehr weit weg von zu Hause.

NOVEMBER 2009: Unter Tränen erkläre ich Ronja am Telefon, dass ich sie brauche – dass ich mir aber, wenn ich ehrlich mit mir selber bin, eingestehen muss, dass ihr Wunsch zu sterben viel grösser ist als mein Wunsch, sie nicht zu verlieren – und dass ich kein Recht habe, sie zurückzuhalten.

NOVEMBER 2009: Ich trete einem Theaterjugendklub bei und stelle mich der Herausforderung, aus mir heraus in neue Rollen zu schlüpfen. Es klappt nicht immer, aber es gibt mir viel Selbstvertrauen.

NOVEMBER 2009: Ich reise nach Indien, um meine zukünftigen Schwiegereltern kennen zu lernen. Ich bin wahnsinnig nervös. Hoffentlich mögen sie mich.

NOVEMBER 2009: Meine Gottemeitli wird geboren. Noch können wir aber nichts miteinander anfangen.

NOVEMBER 2009: Meine erste Weltreise beginnt: Indien, Neuseeland, USA in 8 Monaten. Beim Autostoppen in Neuseeland fühle ich mich richtig frei.

NOVEMBER 2009: Ich verliebe mich in Schweden – die Sprache, das Land, die Kultur. Irgendwann werde ich dort leben.

NOVEMBER 2009: Die letzte geplante Operation. Ich habe mich schon fast daran gewöhnt.

NOVEMBER 2009: Mein Freund stirbt zu jung an einem Hirntumor.

NOVEMBER 2009: Wir besetzen ein repräsentatives Gebäude auf dem Frankfurter Campus und diskutieren uns die Köpfe heiss, während die Uni-Leitung die Heizung abstellt. Spätestens der Polizei-Einsatz politisiert mich.

NOVEMBER 2009: Meine Tasche ist weg. Meine Tagebücher, mein Pass, meine Bilder, alles. Ich will nach Hause und hasse dieses hässliche, böse La Paz.

NOVEMBER 2009: Beni ist aus dem Internat geflogen, wir sitzen zusammen im Zug und fahren nach Hause.

NOVEMBER 2009: Robert Enke stirbt. Ich merke, wie schlecht es mir selbst geht.

DEZEMBER 2009: Meine Firma steht vor dem Konkurs und ich vor einem Schuldenberg.

DEZEMBER 2009: Ich lerne Magnus kennen.

DEZEMBER 2009: «Abschiede in der Nacht haben so was Ätherisches, gell», sagt Georg und nimmt seine Jacke.

DEZEMBER 2009: Bea erzählt mir von Tom.

DEZEMBER 2009: Mit einem kollabierten rechten Lungenflügel liege ich im Spitalbett und schaue aus dem Fenster nach draussen. Der Wetterreport meldet Temperaturen von -10 Grad. Ich hasse Kälte, aber ich wünsche mir gerade nichts sehnlicher, als sie intensiv auf meiner Haut zu spüren.

DEZEMBER 2009: Ich schiesse das Foto mit Steffi und Josefa im Aufzug des Altersheimes.

DEZEMBER 2009: Meine innere Unruhe zieht mich wieder in die Ferne. Keine Ahnung, was mich erwartet, keine Ahnung für wie lange. Ich weiss nicht, was ich suche.