1996

JANUAR 1996: Als ich ins Zimmer von meinen Eltern komme, sehe ich meine Mutter in einem weissen Nachthemd daliegen, in ihren Armen liegt ein kleines verschrumpeltes Wesen, es ist mein Bruder.

FEBRUAR 1996: Wir verbringen zusammen die erste Liebesnacht. Wir sind miteinander verwandt, es gibt einen Familienskandal. Wir heiraten trotzdem.

MÄRZ 1996: Sofie verlässt mich. Ich gerate in eine weitere Depression, die ihren Höhepunkt darin findet, dass ich aus Unachtsamkeit fast meine Wohnungsgenossinnen und mich selbst verbrenne.

MÄRZ 1996: Wir ziehen um. Weg von meiner geliebten Oma und dem Garten. Oma weint, ich weine.

APRIL 1996: Die Liebesgeschichte mit Stefan endet.

APRIL 1996: Opa ist pleite. Ich renne weg voller Hass und Traurigkeit. Das Haus auf dem Land wird verkauft.

APRIL 1996: Ich übe alleine, in den Nachbarort Bus zu fahren. Meine Mutter fährt mit dem Auto hinterher. Sie winkt und hupt regelmäßig.

APRIL 1996: Ich treffe zum ersten Mal eine Person, die mir wirklich etwas bedeutet, und die nicht Mitglied meiner eigenen Familie ist. Ich fühle Glück und Angst.

APRIL 1996: Nach einem Aufenthalt bei einem Gynäkologenehepaar in Berlin begreife ich, dass ich lesbisch bin, und verliebe mich nach meiner Rückkehr nach Bern in der Reithalle zum ersten Mal in eine Frau.

MAI 1996: Ich entdecke bei der Geburtstagsfeier eines Freundes, dass Drogen und Alkohol in meinem Körper ungünstige Verbindungen eingehen.

MAI 1996: Ich sitze schwanger in der Abi-Prüfung und weiss, dass das kleine Wesen in mir und ich ein Geschenk füreinander sein werden.

JUNI 1996: Eine fünf Jahre ältere Schauspielerin, in die ich mich verliebt habe, schneidet mir meine Dreadlocks ab.

JUNI 1996: Im ersten eigenen Häusle, das wir mit einer anderen Familie bewohnen, flutscht Lena auf dem Sofa in unser Leben. Und bleibt. Drei Monate später ist mein bester Freund und ihr Götti tot.

JUNI 1996: Ich trenne mich von Philip.

JUNI 1996: Die Welt steht kurz still und dreht sich dann plötzlich ganz schnell, bis ich ihren Namen herausfinde.

JUNI 1996: Ich höre im Vorbeigehen: «Tut mir leid, wir sind ausverkauft.» Ich habe eine Freikarte übrig, drehe mich um und biete sie dem Herrn an.

JULI 1996: Gemeinsame Reise mit den Grosseltern und dem Rauhaardackel Xira auf der Insel Elba: Neben dem Lesen auf der Wassermatratze in einer kleinen Bucht bin ich besonders vom Bidet in unserem Ferienhaus angetan.

JULI 1996: Wir machen zu fünfzehnt eine erste Spritztour mit unserem ersten Boot gen Lauenburg. Dabei verlieren wir die Schleusenkarte, den Peekhaken, Öl und rammen ein anderes Boot.

JULI 1996: Ich gehe auf Reisen.

JULI 1996: Die Post in Ouchy ist bereits geschlossen – ich springe mit meinem Brief für Sarah auf die Metro und renne zur Hauptpost in Lausanne. Als mir die Dame am Schalter versichert, dass er morgen ankommen wird, bin ich vollkommen glücklich.

JULI 1996: Ich gehe ganz alleine für gefühlte Stunden auf den Spielplatz und spiele nur für mich. Ich kann mich nicht erinnern, was ich meiner Mutter erzählt habe, aber ich glaube, ich habe sie angelogen.

JULI 1996: In unserem Dorf wurden Laienspieler für eine Theaterproduktion gesucht. Ausser bei Schulaufführungen habe ich bis anhin noch nie Theater gespielt. Jetzt bin ich Feuer und Flamme und freue mich auf jede Probe und auf die Premiere.

JULI 1996: Mein Sohn wird durch einen Not-Kaiserschnitt geboren. In einem Nahtoderlebnis fühle ich mich von guten Mächten wunderbar geborgen – im Jenseits und hier in der Welt.

JULI 1996: Im Rahmen der Generaldirektionskonferenz kann ich zusammen mit Beat im Foyer das von uns entwickelte Hypertextsystem vorstellen.

JULI 1996: Auszug zu Hause, Fast-Rückkehr nach Berlin. Selbstständigkeit. Ich stelle fest, dass man kochen, putzen, Wäsche waschen, einkaufen und so selber machen muss.

AUGUST 1996: Ich fange an, mit alternativen Formen von Liebe, Beziehung und Sexualität zu experimentieren.

AUGUST 1996: Aufgrund einer Schultheateraufführung beginne ich mein Abitur an einem Gymnasium mit Elektrotechnik als Leistungsfach.

AUGUST 1996: Ich ziehe mit sechzehn Jahren bei der dreissigjährigen Susanne ein. Sie ist alleinerziehend und hat zwei kleine Söhne. Unter vielem anderen lerne ich von ihr, wie man ein WC putzt und dass ich mit Sicherheit noch keinen Orgasmus hatte.

AUGUST 1996: Unser Zelt steht irgendwo im Centovalli. Ich geh pinkeln. Die Nacht ist schwarz. Ich finde das Zelt nicht wieder.

AUGUST 1996: Wir dürfen uns PatenschülerInnen aussuchen, die uns im ersten Schuljahr zur Seite stehen. Ich suche mir das Mädchen mit den kurzen Haaren aus. Einige Wochen später schneidet die Friseurin mir einen 90er Jahre Boyband Haarschnitt. Ich fühle mich unheimlich gut!

AUGUST 1996: Mein Hauptfach steht fest. Und mein Professor erinnert sich sogar an meinen Namen.

AUGUST 1996: Goaparty in Gais. Totalkongruenz mit dem Universum.

SEPTEMBER 1996: ich spiele mein erstes Solostück: «Du bist meine Mutter».

SEPTEMBER 1996: Beerdigung meiner Grossmutter in Polen, ganz traditionell, mit einer Prozession durch die Stadt. Es sind unheimlich viele Menschen da und ich begreife zum ersten Mal, was Heimat sein kann, und dass auch ich irgendwo herkomme.

SEPTEMBER 1996: Ich ziehe nach London, um Tanz zu studieren. In der ersten Produktion tanze ich zusammen mit Marcio ein Duett.

SEPTEMBER 1996: Im Herbstlager in den Bergen, das abendliche Beisammensein. Um mich Gesichter, die mich erwartungsfroh und voller Neugierde anschauen. Ich fasse Vertrauen.

SEPTEMBER 1996: Benommen von Flug und Fremde lege ich mich auf die Bank im Stanley Park, Vancouver. Ich versöhne mich mit den Widersprüchen des Lebens, insbesondere jenem zwischen Realität und Fantasie.

SEPTEMBER 1996: Mein Bruder fährt mein Hab und Gut – ca. 10 Bananenkisten – in einem VW und mit 200 km/h von Leipzig nach Basel. Mein Aufenthalt ist für ein Jahr geplant.

SEPTEMBER 1996: Ich schaue aus dem Fenster in die Prenzlauer Strasse und weiss nicht, wie ich die vier Jahre hier überstehen soll – aber ich will tanzen.

OKTOBER 1996: Mein Coming-Out vor meiner besten Freundin unter starkem Alkoholeinfluss.

OKTOBER 1996: Ich drucke mit einem Freund in Tschechien ein Jugendmagazin. Wir begeben uns mit den Daten und dem Geld für die Anzahlung auf die Reise. Leider hat mein Freund nur seine ID dabei. Also gehe ich mit den Daten, und er wartet mit dem Geld an der Grenze auf den Pass aus der Schweiz. Die Druckerei rührt keinen Finger, solange das Geld nicht da ist.

OKTOBER 1996: Ich verlasse die Uniklinik gegen den Willen der Ärzte, um «Antigone» zu proben.

OKTOBER 1996: Die ersten grossen Zeichnungen entstehen.

OKTOBER 1996: Ich beschäftige mich mit «Kain». Es entsteht ein Theaterstück, das in verschiedenen Kirchen von einem Schauspieler und einem Musiker aufgeführt wird.

OKTOBER 1996: Sie hat Urs kennen gelernt.

NOVEMBER 1996: Der Kleine ist sehr krank und ich werde zur Löwin. Ich schlafe nächtelang auf den zusammengerückten Stühlen in Krankenhausfluren.

NOVEMBER 1996: Ich prügle mich mit einem Jungen wegen einem Mädchen, das ich nie liebte.

NOVEMBER 1996: Ich habe beschlossen, die Aufnahmeprüfung zum Studium «Musik- und Tanzpädagogik» zu machen. Ich will raus aus meinem bisherigen Leben.

DEZEMBER 1996: Nach dem Ende eines langen Krieges kann ich nach 21 Jahren wieder meine Geburtstadt in Mosambik besuchen. Ich treffe als Erwachsener Familienmitglieder und Freunde wieder, die ich als Teenager verlassen hatte.