1978

JANUAR 1978: Meine Eltern lassen sich scheiden. Ich bin zu klein, um es zu verstehen oder mich daran zu erinnern.

JANUAR 1978: Meine Mutter wird von meinem Bruder und mir in der Badewanne tot aufgefunden.

FEBRUAR 1978: Mein Mann stirbt an einem Gehirntumor, gerade als unser Sohn in die Schule kommt. Der Schmerz ist unendlich gross. Zurück bleiben zwei Stiefkinder, meine Tochter aus erster Ehe, das gemeinsame Kind und ich.

MÄRZ 1978: Die Eltern meiner Spielkameradin Ute verbieten uns den Umgang, da meine Eltern aus irgendeinem kommunistischen Verein ausgetreten sind.

APRIL 1978: Ich fliege aus dem Gymnasium und muss zurück in die 3. Sekundarklasse – eine grosse Kränkung.

APRIL 1978: Mein erster Sohn wird geboren. Er ist ganz wunderbar – dennoch fühle ich mich wie in einer Falle.

APRIL 1978: Auswanderung in die Schweiz.

MAI 1978: Ein Bild von mir im Kindergarten erscheint in «Meyers Modeblatt».

MAI 1978: Tina eröffnet den Reigen unserer Kinder.

MAI 1978: Nach über drei Jahren Verliebtheit komme ich mit knapp 16 Jahren mit Ruedi zusammen.

JUNI 1978: Wir spielen bei den Nachbarn im Heu. Zum Spiel gehört, dass der 16-jährige älteste Sohn mich in eine abgetrennte Ecke zieht und mir Küssen beibringen will. Sein Speichel riecht übel. Er öffnet seine Hose und sagt, das gehört dazu. Alle würden das tun. Er drückt mich mit seinen Armen nach unten. Ich schäme mich und erzähle es niemandem.

JUNI 1978: Wir ziehen um. Die Tochter des Malers wird meine Freundin.

JUNI 1978: Ich bin jetzt staatlich anerkannte medizinisch-technische Assistentin und arbeite, während mein Mann studiert.

JUNI 1978: Ich darf meinen Bruder im Kindergarten besuchen, die Kinder sind nett und es gibt Popcorn.

JULI 1978: Ich besuche mit meinem Sohn und meiner Tochter für drei Wochen Freunde in Tansania, um Deutschland und die Trauer hinter mir zu lassen. Dort spricht mich auf einem Empfang ein Entwicklungshelfer an. Wir freunden uns an. Da stellt sich heraus, dass er der Sohn eines früheren Lebensgefährten meiner Mutter ist.

JULI 1978: Meine Schwester kommt zur Welt.

JULI 1978: Auf unserer Flucht vor dem ungarischen Realsozialismus wohnen wir zunächst bei Schweizer Freunden, die mehrere Hasen in Käfigen im Garten halten. Dass sie alle früher oder später im Kochtopf landen, gibt mir zu denken.

AUGUST 1978: Ich bin allein in England. Ich verstehe vieles falsch und verliere meinen ersten Job.

SEPTEMBER 1978: Wechsel von der Realschule aufs Gymnasium. Die alten Schulfreunde gehen arbeiten, ich weiter in die Schule. Stofflich bin ich überfordert, persönlich öffnen sich neue Welten.

NOVEMBER 1978: Überraschend wird uns ein dritter Sohn geschenkt. Ich bin dankbar, glücklich und zufrieden, jetzt zwei «normale», gesunde Kinder aufwachsen zu sehen.

DEZEMBER 1978: Ich werde Vater.